Mysterium Zwillingsnadel und ihre Alternativen

Wie ganz viele Näherinnen fing ich in der Elternzeit mit dem Nähen an. Ja, denn es gibt wirklich spannenderes als ein Baby zu hüten, besonders, wenn man das Glück hat, ein unkompliziertes Exemplar erwischt zu haben. Diese Exemplare schlafen nämlich viel und beschäftigen sich tatsächlich gerne selber. Schauen mit großen Augen in die Welt und brabbeln vor sich hin. Da braucht man eine Möglichkeit, sich zu Hause zu beschäftigen. Und nähen ist da optimal.

Das heißt aber auch, dass man das Nähen damit beginnt, Babykleidung zu nähen. Also bevor man sich mal gründlich mit der Materie „Nähen“ befasst, geht es meistens direkt an Jersey, der nunmal nicht der dankbarste Stoff beim Verarbeiten ist. Hier einen sauberen Abschluss der Nähwerke hinzubekommen ist auch für erfahrene Näherinnen nicht immer einfach. Meistens wird dann Bündchen als Abschluss genommen. Bei Babykleidung wirklich praktisch, aber spätestens, wenn die Kinder größer sind und / oder man etwas für sich selber näht, will man auch gerne mal Alternativen ausprobieren.

Neben Beleg annähen und Einfassen gibt es die völlig unkomplizierte Variante des säumens. Hierbei wird der Stoff einfach nach innen umgeklappt und angenäht. Was so einfach klingt, ist in der Praxis aber oft ein Ärgernis. Der Stoff wellt sich, es wird schief und am Ende hat man sein liebevoll genähtes Stück verschandelt. Denk man jedenfalls. Wenn man aber ein paar einfache Dinge beachtet, klappt es auch mit dem Säumen.

20160914_113203Am besten klappt man den Saum bereits vor dem Zusammennähen der einzelnen Teile schon um und bügelt den Saum gründlich. So behält er auch nach dem Zusammennähen seine Form und kann einfacher angenäht werden. Aber egal ob vor oder nach dem Zusammennähen der Schnittteile: Ein Saum muss erst gebügelt werden, sonst ist es wirklich schwierig, ihn sauber hinzubekommen! Und er sollte mindestens 2 cm umgeklappt werden, damit er schön liegt. Und dann muss der Saum angenäht werden.

Wer gekaufte T-Shirts anschaut, entdeckt oft eine Naht, die vorne einen parallelen Gradstich hat und hinten ein bisschen nach Overlockstich aussieht. Das ist dann mit einer Coverlock-Maschine genäht. Ich besitze leider keine Coverlock und muss mir anders behelfen. Aufgrund des parallelen Gradstich, greifen dann viele (ich auch) zur Zwillingsnadel. Die Naht sieht dann optisch von außen aus wie mit einer Coverlock genäht und ist bei korrekter Ausführung auch elastisch. Hier ist aber zu beachten (und das hat eine Schneiderin mir ahnungslose Hobbynäherin ins Öhrchen geflüstert):

Eine Zwillingsnadel wurde NIE geschaffen, um eine Coverlocknaht zu faken!

Ursprünglich wurden Zwillingsnadeln dazu konzipiert, „Biesen“ zu nähen. Ja. Biesen. Und alle so „Hä?! Was sind denn Biesen?!“ Ja, genau das unterscheidet uns Hobbynäherinnen von gelernten Schneiderinnen. Die wissen nämlich, was das ist 😎 Einfach mal googlen. Biesen sind Ziernähte, bei denen sich der Stoff etwas abhebt und so ein kleiner räumlicher Effekt ergibt. Gerne auf Blusen verwendet. Und genau das ist auch der Grund, warum das mit den Einstellungen der Zwillingsnadel nicht so einfach hinhaut. Denn genau diesen „Bieseneffekt“ will man beim Säumen ja vermeiden. In den Nähgruppen kommt dann oft die verzweifelte Fragen, wieso zwischen den Nähten so ein Wulst wäre. Die Antwort ist eigentlich einfach: Weil es ursprünglich bei Zwillingsnadeln so gewünscht war. 😉

Aber keine Sorge, mit etwas Herumprobieren bekommt man es meistens trotzdem ganz gut hin. Was müsst ihr also tun?

  1. Zwillingsnadel wie eine normale Nadel anbringen
  2. Einen zweiten Garnrollenhalter feststecken (hier tuts notfalls auch ein chinesisches Essstäbchen, das ihr an der Maschine anbringt)
  3. Zwei Garnrollen so aufstecken, dass sie sich gegengleich abrollen (das war mal ein Tipp in einem Forum und soll das Verheddern der beiden Fäden reduzieren)
  4. Beide Fäden gemeinsam wie gewohnt einfädeln
  5. Jeweils einen Faden in eine Nadel einfädeln. Wenn vorhanden, kurz vor der Nadel die Fäden auf getrennten Wegen führen (Anleitung lesen)
  6. Fadenspannung hoch. GANZ hoch!
  7. Gradstich mit großer Länge (ich nehme meist 3,5) mittig einstellen
  8. Mit dem Handrad prüfen, ob die Zwillingsnadel nicht auf die Stichplatte oder das Füsschen trifft
  9. Losnähen.

Und SO soll die Naht aussehen, damit sie auch elastisch ist:

20160914_114254

Soweit zur Theorie. Die meisten Probleme bei der Zwillingsnadel bereitet aber der Punkt Fadenspannung. Da der Unterfaden einen weiteren Weg machen muss, muss die Unterfadenspannung im Vergleich zur Oberfadenspannung deutlich lockerer sein. EIGENTLICH müsste man also die Unterfadenspannung verringern. Das geschieht aber an der Spulenkapsel mit einem kleinen Schräubchen und ist nicht so einfach zu regulieren. Davon sollte man also am besten immer die Finger lassen. Die Alternative ist, Fadenspannung hoch. Und je breiter die Zwillingsnadel, um so höher muss die Fadenspannung sein. Je nach Bauart der Maschine ist der Sache aber schnell eine Grenze gesetzt. Das hat auch nichts mit dem Preis einer Maschine zu tun. Meine billige Discountermaschine konnte deutlich besser mit der Zwillingsnadel umgehen als meine höherpreisige Pfaffmaschine. Ich muss schon bei 2,5 mm Nadelabstand die Fadenspannung (geht von 1-9) auf 8 oder 9 stellen, damit die Naht relativ sauber ist. Mit 4 mm habe ich es daher gar nicht erst probiert. Das hat etwas mit Dingen wie „Horizontalgreifer“ und sowas zu tun. Da bin ich als Hobbynäher raus, da hab ich keine Ahnung von.

Ob die Fadenspannung ok ist, erkennt ihr daran, dass der Stoff sich nicht zwischen den parallelen Nähten zusammenzieht („Biesen-Effekt“) und dass hinten ein sauberer Zickzack ist.

DAS ist KEIN sauberer Zickzack:

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Man sieht hier deutlich wie die Oberfäden (oben grau, unten blau) nach hinten gezogen werden.

Wenn ihr den Dreh erst einmal raus habt, ist die Zwillingsnadel wirklich eine tolle Angelegenheit. Nicht nur zum Säumen, auch zum Absteppen eignen sie sich hervorragend. Eine Variante ist dann auch zum Beispiel am Hals halb auf dem Bündchen, halb auf dem Shirt absteppen (bei meiner 2,5er Nadel aber nicht soo schön)

Apropos Absteppen. Hier fragen sich viele, welchen Stich man dafür am besten nimmt, wenn man nicht gerade eine Zwillingsnadel nutzt. Empfohlen wird dann gerne der Dreifachgradstich. Aber dieser wurde für besonders belastete Nähte konzipiert und ist eigentich zu massiv, zu dick für feinen Jersey. Das führt oft zu unschönen Ergebnissen oder einem welligen Saum. (Hab aber auch schon sehr schöne Beispiele damit gesehen!)

Wenn ich die Zwillingsnadel nicht benutze, dann nehme ich einen einfachen Zickzack zum absteppen. Schön klein gestellt, sieht der nicht wirklich nicht schlecht aus!

Mittlerweile nutze ich zum Säumen auch gerne statt der Zwillingsnadel breite Zier- oder auch Nutzstiche zum Annähen des Saums. Hier kann man einfach mal verschiedene Stiche auf einem Probestoff ausprobieren. Bei mir hat sich ein geschlossener Overlockstich bewährt. Ich wähle den Saum schön Breit und nähe die Naht so, dass der Rand des Stoffes hinten unter der Naht liegt. Das kann man beim Nähen schön erfühlen. So hat man dann auch von innen einen ordentlichen Abschluss:

So. und nun ran an den Saum!

Würde mich auch über einen Besuch auf meiner Facebookseite freuen: Fadenentspannung

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3 Kommentare zu „Mysterium Zwillingsnadel und ihre Alternativen

  1. Danke das du das Mysterium Zwillingsnadel entwirrt hast ! Genau das war mein Problem . Wie bekomme ich eine anständige Zwillingsnaht hin ( hauptsächlich Rückseite) . Auch nicht mit meiner nagelneuen Nähmaschine und keiner ( Fachleute) konnte mir sagen warum das so ist 😔. Bis gestern , als deine Erklärung in einer Nähgruppe auf Facebook geteilt wurde ! Was soll ich sagen , gleich ausprobiert . Fadenspannung hoch auf 9 und das erste mal hatte ich , einen anständigen Zickzackstich auf der Rückseite 👏🏼😃. Also , vielen Dank nochmal !

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