Behind the scenes – Probenähen

Wer sich in der Online-Nähszene bewegt, kommt früher oder später mit dem sogenannten Probenähen in Berührung. Was hat es eigentlich damit auf sich? Nun, der Markt ist ja nahezu überschwemmt von Ebooks und Freebooks. In der Nähszene ist ein „Ebook“ eine (kostenpflichtige) Anleitung inklusive Schnittmuster. Als pdf. Ein „Freebook“ ist ein kostenfreies Ebook.

Beide Varianten haben eines gemeinsam: Es steckt viel Arbeit darin. Das Feintuning an so einem Ebook wird mit einem Probenähen gemacht. Ein ausgewählter Kreis von Näherinnen näht den Schnitt in jeder Größe, um die Passform zu optimieren und die Anleitung auf Qualität zu überprüfen. Der Lohn ist das Ebook (gut, bei Freebooks erübrigt sich das) und die Reputation. Diese wiederum führt zu weiteren Probenähereien und (was wir ja alle wollen) vielleicht sogar irgendwann mal Designnähen zu dürfen für einen Stoffhersteller oder ähnliches. Da ich das Thema recht spannend finde, habe ich mich das ein oder andere Mal auch beworben. Das geschieht einfach, indem man bei einem Aufruf (über Facebook) kurz schreibt, welche Größe man nähen kann, idealerweise mit einem Link zu seiner Seite.

Schließlich hat es bei mir auch geklappt. Es ging um eine Jogginghose für die ganze Familie. Ich habe mich u.a. mit meinem XL-Mann beworben. Und dafür wurde ich dann auserwählt. Der anfänglichen Freude (und natürlich auch Stolz) folgte schnell die Ernüchterung. Mein „XL“ wurde zu einer Herrengröße 58. Das ist ein großes „XL“. Sehr groß. In manchen Tabellen ist das XXXL…. Hm. Was tun? Es ging auch „nur“ um ein Freebook. Das heißt, mein „Lohn“ für den Passformcheck wäre nur die Wertschätzung und ein Bildchen von meiner Hose im fertigen Pdf. Da es sich um eine Hose handelt, die es als Damen-, Herren- und Kinderschnitt gibt, gibt es natürlich auch eine ganze Menge Größen, die probegenäht werden wollen. Ein Blick in die Facebook-Probenäherinnen-Gruppe zeigt mir dann auch 80 Mitglieder an. Jaaaaa…. also so ein kleiner elitärer Kreis war das dann doch nicht. Zum Zuge kam ich dann auch eher nicht wegen meiner herausragenden Seite, sondern wohl eher wegen meiner Bewerbung mit einem XL-Mann. Gut, meine Familie ist groß und auch jenseits des „Grade-so-XL“ haben wir einige männliche Exemplare zum Benähen. Andererseits: Große Hose bedeutet auch hoher Stoffverbrauch. Ich musste wirklich lange überlegen, ob das Probenähen in diesem Fall Sinn macht.

Am Ende siegte aber die Neugier. Immerhin traute man mir grundsätzlich zu, eine Herrenjogginghose zusammenzuschustern und es schmeichelt natürlich der eitlen Näherinnen-Seele, wenn nachher im fertigen Pdf meine Hose zu sehen ist. Außerdem ging es um ein Schnittmuster von „heidimade“ mit deren Schnitten und Anleitungen ich bisher sehr gute Erfahrung gemacht habe. Also habe ich beschlossen, dabei zu sein und einen meiner Brüder zu benähen.

Das Probenähen selber ist recht unspektakulär. Jeder bastelt vor sich hin, näht, gibt Passformtipps… Ein bisschen lustig sind dabei die Fotos der Probestücke. Da ja die Passform anfangs noch ganz schlecht sein könnte, werden da gerne Stoffe verwendet, die sonst keine Verwendung finden. Es wurde also alles zu Hosen vernäht, was nicht bei „drei“ auf den Bäumen war. So gibt es dann Fotos zu bewundern mit aus Bettwäsche zusammengenähten Hosen, wildeste Farbkombinationen, aus IKEA-Decken, Blusen…. Ich musste wirklich manchmal schmunzeln. Aber natürlich ist dieses Vorgehen total sinnvoll und im geschützten Bereich der Probenähgruppe ja auch absolut kein Thema. Da ich aber bei meiner XXL-Hose wirklich viel Stoff benötige, halfen mir Stoffreste und Bettwäsche auch nicht weiter. So besorgte ich bei Tedox den gaaaanz billigen Jersey für 4 Euro/m. Der liegt sogar auf über 160cm breite, so dass ich alle Schnittteile auf der Breite nebeneinander bekam. Perfekt. Beim Nähen fand ich die Idee dann doch nicht mehr so gut. Denn der Stoff ist labberig, rollt sich unglaublich penedrant ein und lässt sich einfach schlecht vernähen. Aber ich kämpfte mich tapfer durch.

Die Hose war dann schon fertig noch bevor mein Nähopfer von seinem zweifelhaften Glück erfahren hatte. Aber er ließ sich gerne darauf ein und stand am nächsten Tag zum ersten Passformcheck bereit:

2016-05-14_17.02.14

Oben passte sie, die Beinlänge musste radikal gekürzt werden. Hier auch schön zu sehen: Man kann ganz entspannt auch die Bilder posten, die sonst in Nähgruppen verrissen werden. Es interessiert sich niemand für gutes oder schlechtes Licht, ob es etwas unscharf ist, ob Chaos im Hintergrund ist…. Einzig das genähte Stück zählt. Das fand ich sehr angenehm. Und da Kinderhosen so herrlich schnell genäht sind, bekam mein Minimann übrigens auch noch eine Hose und kann nun mit dem Onkel im Partnerlook herumlaufen.

Dann mussten natürlich auch schöne Bilder her. Schöne Bilder gehen eigentich nur draußen. Jedenfalls, wenn man wie ich keine Ahnung vom fotografieren hat und auch kameratechnisch nicht professionell ausgestattet ist. Also ging es in den Garten. Dabei sind auch einige schöne Bilder entstanden, wobei es gar nicht mal so einfach ist, ein Bild zu machen, auf dem man keine Gesichter sieht (immerhin gebe ich die Bildrechte am Ebook-Bild mehr oder weniger ab), wo die Hose gut zu erkennen ist, die Passform der Hose sichtbar… Und das mit einem hochaktiven Kleinkind…. Mein Hauptproblem war aber am Ende nicht das Kind, sondern: In nahezu jedem Bild zeichnete sich das Zigarettenpäckchen vom Onkel deutlich an der Jacke ab. Und Zigaretten und Kleinkind passt ja nunmal gar nicht zusammen. Das hatte ich total übersehen. Das „Gesichtsproblem“ löste ich einfach mit einem Hut. Es waren viele tolle Bilder dabei, aus denen ich dann die schönsten nochmal auswählte.

Pflicht war also erfüllt. Ab jetzt folgte die Kür. Es gab eine Überarbeitung des Schnittmusters. Um die neue Passform zu testen, wählte ich für die Erwachsenenversion dieses Mal eine kurze Variante. Zum einen, weil die Länge der kurzen Hose überarbeitet wurde, zum anderen natürlich, um den Stoffverbrauch zu minimieren. 2016-05-24 17.45.29Ich hatte noch einen quietschgrünen Sweat zu Hause liegen, der musste dran glauben. Damit er ein bisschen cooler wird, habe ich seitlich eine Paspel eingearbeitet und das ganze mit Schwarz kombiniert. Außerdem hab ich die Taschen noc mit einer Fake-Covernaht fixiert. Farblich passt das natürlich auch noch perfekt zu den Partyhüten… Also ich finde es super. Diesmal habe ich die Hose für meinen Mann gemacht, da mein Bruder mittlerweile im Urlaub war. Zwar die falsche Größe, aber bei so einem Probenähen muss man eben auch mal flexibel sein.

Gut gepasst hat dann, dass auch wir nach Fertigstellen der Hosen in Urlaub gefahren sind. Und so sind dort dann noch schöne Fotos entstanden. Ich hatte auch extra meinen Laptop mit in Urlaub genommen, um die Bilder noch rechtzeitig bearbeiten zu können. Also ich finde, es hat sich gelohnt!

pegasus4.jpg

Aus den ganzen Bildern musste ich dann genau eines auswählen, dass dann auch im Ebook erscheint. Gar nicht so einfach. Am Ende entschied ich mich dann für folgendes Bild:

pegasus3

 

Fazit zum Probenähen: Es war eine nette Runde, ein SEHR entspannter Umgang miteinander. Aber es erfordert natürlich auch Zeit. Man sollte sich wirklich nur dann für ein Probenähen bewerben, wenn man auch die Zeit dazu hat. Und zwar ein paar Wochen lang. Bei Erwachsenengrößen muss man sich bewusst sein, dass man ein Schnittmuster auch 2 oder 3 Mal ausdrucken und kleben muss. Das hassen wir ja (fast) alle.  Und auch nur wenn man genug Stoff da hat und es um ein Schnittmuster geht, was man wirklich gebrauchen kann, macht Probenähen Sinn. Sonst verliert man die Lust. Aber dann ist es eine tolle Sache. Und ein bisschen stolz ist man ja schon, wenn am Ende das eigene Bild im Ebook erscheint.

Zum Schnitt selber: Die Jogginghose ist echt super geworden. Ich persönlich würde sie für Herren NICHT aus Jersey nähen, sondern nur aus Sweat. Für Kinder geht beides ganz gut. Bei uns sitzt die Joggginghose besonders beim Kleinen einfach perfekt. Er ist zur Zeit sehr schmal gebaut. Bei speckigeren Kindern würde ich die Hose etwas weiter zuschneiden. Die Anleitung ist (wie von Heidimade gewohnt) kurz, knapp und super verständlich.

Also: Wer noch eine Jogginghose sucht: Hier gehts zum Schnittmuster: Jogginghose Pegasus von heidimade

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Ein Kommentar zu „Behind the scenes – Probenähen

  1. Hallo Anna, ich musste doch schon sehr schmunzeln als ich deine Post las. Habe ich mich doch selbst darin erkannt. Ich nähe jetzt seit ungefähr 1 1/2 und habe schon ein paar Probenähen mitgemacht, am Anfang lief es eher schleppend und ich wurde nie für probenähen ausgewählt. Erst als mein Blog um selbst genähtes Wuchs und ich deutliche bessere Bilder gemacht habe läufts. Zukünftig darf ich auch für einen Online Shop Stoffe „designvernähen“, darüber bin ich sehr stolz. Leider musste ich in letzter Zeit oft feststellen dass Posts über Probegenähte Stücke nicht wirklich erwünscht sind und man oft auch beschimpft wird da man für ein Probenähen ausgewählt wurde. Dabei steckt dahinter, wie Du schon geschrieben hast, viel Arbeit. Ich saß oft Nächte lang vor der Nähmaschine und dem PC, habe genäht, Bilder bearbeitet und meinen Blog programmiert/gepflegt. Das sehen viele nicht. Von nichts kommt eben nichts. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und verlier nicht die Lust am Nähen und bloggen! LG Vanessa

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